Forschungsgebiete

ReForm beabsichtigt, ressourcenbezogenene Transformationen auf theoretischer und empirischer Ebene zu untersuchen. Der Leibniz-WissenschaftsCampus geht von einem „Theorie der Praxis“-Ansatz aus (z.B. Giddens 1984; 1995; Bourdieu 1977; 1984; 2000; DeCerteau 1984; Schatzki 1996; 2002; Hillebrandt 2014; 2016a; Reckwitz 2016), der hilft, die Entwicklung gesellschaftlicher Institutionen und ihres ökonomischen Handelns zu analysieren, aber darüber hinaus die aktuellen Materialitäts- und Embodiment-Diskurse einbezieht. Unser wissenschaftlicher Ansatz besteht darin, materialisierte Ressourcen als Affordanzen für Individuen und Gesellschaften zu betrachten und ihre potenzielle Rolle in transformativen Prozessen zu integrieren.

Ein solcher multidisziplinärer Diskurs wird es den einzelnen Disziplinen ermöglichen, verschiedene theoretische und empirische Studien in ein breiteres und neues Forschungsfeld zu ressourcenbezogenen Transformationen einzubetten. Diese ganzheitliche Idee von ReForm erfordert verschiedene Forschungsebenen, die vielleicht am besten als Mikro-, Meso- und Makroebene beschrieben werden können.

Forschungsgebiet 1: Aneignung von (Roh-)Material – Umwandlung in Dinge. Ressourcen und Materialien in der Praxis

Die Aneignung von Ressourcen ist ein Hauptthema in der Geschichte der Menschheit. Die Entwicklung von Technologie basiert auf kulturellen Faktoren (z. B. Lechtman 1996). Gesellschaftliche Bedürfnisse und Wünsche regeln und sorgen dafür, welche Arten von Ressourcen erworben oder ignoriert werden. Diese Zugriffsmuster sind eingebettet in Landschaften, in denen Rohstoffe gesammelt oder ausgebeutet werden. Das Handeln mit Ressourcen offenbart daher individuelle oder gesellschaftliche Absichten und zusätzliche Strategien und Konzepte, wie ein gewünschter Ertrag erreicht werden kann (zum Abbau siehe Stöllner 2015). Diese Fertigkeiten lassen sich oft durch spezialisierte Arbeitsabläufe (chaîne opératoires) beschreiben (Leroi-Gourhan 1980), die uns die Verschränkung von spezifischen Erfahrungen, diskursivem und verkörpertem „Wissen“ des menschlichen Akteurs erkennen lassen (Ingold 2000; Marchand 2010; von Rüden 2014, 2017).

Forschungsgebiet 2: Spacing, Wissensaneingnung und Innovation durch Ressourcen und als Ressource

In diesem Forschungsbereich wollen wir das Verhältnis von Raum und Wissen untersuchen. Da Raum durch alle Arten von Praktiken produziert wird, können wir uns dem Wissen der Menschen nähern, indem wir ihre Erfahrungen mit Landschaften und ihre Wahrnehmung von Raum nachzeichnen (Tilley 1994; Bender 1993; Helmstädter 2003; von Rüden 2015). Insbesondere im Kontext von Ressourcen können Räume und Landschaften als „durch translokale Beziehungen und Austauschprozesse geschaffen“ (Verne & Verne 2017, 133) konzeptualisiert werden.

Ein Schwerpunkt wird das „Wachsen“ von Wissen und kreativen Impulsen durch die Erfahrungen in/an Landschaften und Dingen sein, die möglicherweise das ansprechen, was wir heute als Innovation wahrnehmen (Ingold 2000). Das Hineingeworfensein in eine neue Umgebung führt zur Aneignung dieser Umgebung und zu einer bestimmten Schaffung von Raum, was Transformation ermöglichen kann („spacing“: Löw 2001; zu unterschiedlichen Konnotationen von Raum vgl. Wardenga 2002). Diese Kreativität ist besonders im Umgang mit unbekannten und nur teilweise bekannten Landschaften gefragt. Wann immer Menschen handeln, sammeln sie Erfahrungen und folglich Wissen in der Aneignung ihrer Umwelt. Die Rekonstruktion solcher Handlungs- und Praxisstänge erlaubt es dem Forscher, sich dem spezifischen kulturellen Zugang von Gesellschaften zu ihrem Raum zu nähern.

Forschungsgebiet 3: Gesellschaftswandel: Akeutere in materialisierten Asymmetrien

Im dritten Forschungsbereich steht die ressourcenbezogene Transformation von Gesellschaften im Mittelpunkt der Diskussion und Untersuchungen. In diesem Bereich betrachten wir Asymmetrien als wichtige herausfordernde Faktoren, da Asymmetrien oft mit der Umwelt und kulturellen Gewohnheiten zusammenhängen. Sie können Gesellschaften auf unterschiedliche Weise unter Druck setzen. Asymmetrien werden nicht nur als ökonomische Unterschiede zwischen sozialen Gruppen definiert, sondern auch als kulturelle Aspekte, die als ungleich empfunden werden, wie z.B. der Zugang zu rituellen oder ländlichen Räumen oder die Teilnahme an gesellschaftlichen Prozessen. Beispielsweise sind Wachstum und Niedergang (oder „De-Growth“) wichtige Aspekte in diesem Spannungsfeld der Asymmetrien. Die Debatte hat sich in den letzten Jahren aus der Diskussion um zyklische Modelle entwickelt, die in den letzten Jahren in Frage gestellt wurden (Kondratiev 1984; Holling et al. 2002; Sundstrom, Allen 2019). Die Interpretation von Ökonomien und Gesellschaften als komplexe adaptive Systeme kann ein sinnvoller theoretischer Ansatz sein (Costanza et al. 2007), ebenso wie die Interpretation von Ökonomien als integratives Element sozialer Praktiken. In Fällen, in denen bewusste Entscheidungen den Umgang mit Ressourcen regulieren, können wir diese Entscheidungen als Governance-Strukturen oder Institutionen bezeichnen.

Ethnographische Beobachtungen zeigen oft sehr viel deutlicher, wie gesellschaftliche Entscheidungen wie z.B. in spezifischen Kommunikationsformen durch Austausch (Bourdieu 1998) oder expliziten Bedingungen bei der Ausbeutung von Ressourcen (Kienlin, Stöllner 2009, 73-76) von „irrationalen“ rituellen Bedürfnissen oder allgemeinen Normen geleitet werden. Dies steht im Gegensatz zu unserer Annahme von scheinbar „rationalen“ Interessen im Sinne „moderner“ Ökonomien: Governance ist demnach ein System verschiedener kultureller Entscheidungen, die in gesellschaftliche Bedürfnisse eingebettet sind (z.B. Subsistenzwirtschaft, Riten, kognitive Sphären wie Identität, z.B. Espahangizi 2014; Berger et al. 2017; 2018).